Mit Infotainment gegen Politikverdrossenheit
Mai 1st, 2010Erschreckend niedrige Wahlbeteiligungen, sinkende Mitgliederzahlen bei den Parteien, miserable Vertrauenswerte für Politiker - die Parteiendemokratie in Deutschland steckt in der Krise. Radio kann hier als Vermittler gegensteuern; und zwar nicht nur die ohnehin politiklastigen Wort- und Infowellen, sondern gerade auch die unterhaltungsorientierten Formatradios. Denn sie erreichen Hörer, die der Politik ansonsten den Rücken gekehrt haben. Ein Interview dazu auf der hoerfunker.de-Seite der Bundeszentrale für politische Bildung bpb mit mir ;-):
Hoerfunker: Herr Oberberger, es überrascht zu hören, dass Antenne Bayern, erklärtermaßen ein Unterhaltungsprogramm, sich eine Redaktion für Politik und Wirtschaft leistet. Beides gilt doch gemeinhin als “Quotenkiller”?
Oberberger: Das heißt aber nicht automatisch, dass Politik bei uns keine Rolle spielt. Nur wenige Ausgaben der stündlichen, in den wichtigsten Sendungen sogar halbstündlichen Nachrichten, kommen ohne Politik aus. Und auch auf den Magazinplätzen dazwischen finden sich regelmäßig Politikthemen, vom Konjunkturpaket der Bundesregierung bis zum politischen Aschermittwoch; beides Themen, die sogar ausführlich in der schnell getakteten Morningshow von Antenne Bayern Platz fanden.
Hoerfunker: Wie viele Redakteure arbeiten in der Redaktion Politik/Wirtschaft?
Oberberger: Wir haben rund 25 Redakteure, aber keine festen Ressorteinteilungen. Ich koordiniere den Bereich Politik/Wirtschaft inhaltlich. Bei Bedarf bekomme ich Schützenhilfe aus der Redaktion. Ich bin auch Mitglied der Landtagspresse und regelmäßig dort. Außerdem pflegen wir Kontakte nach Berlin und Brüssel.
Hoerfunker: Wie viele Sendeminuten stehen Ihnen täglich für die Bereiche Politik und Wirtschaft zur Verfügung?
Oberberger: Wir haben überhaupt keine “festen” Plätze für bestimmte Themen. Das alte Rubrikwesen haben wir - mit wenigen Ausnahmen - schon vor Jahren abgeschafft. Rubriken wollen gefüllt werden, auch wenn das Thema an dem Tag nichts Interessantes hergibt. Politikthemen konkurrieren deshalb täglich mit allen anderen um die Nachrichten- und Magazinplätze. Anders als andere AC-Formatradios hat die Antenne aber noch zahlreiche redaktionelle Sendeflächen, von knappen, dafür viertelstündlichen Morningshow-Plätzen bis zur einstündigen Talksendung jeden Samstag, die potenziell auch für Politikthemen zur Verfügung stehen. Der Umfang der Berichterstattung dürfte jedoch viele öffentlich-rechtliche Programmmacher beim genaueren Hinsehen überraschen. So tauchten beispielsweise die Beschlüsse zum Konjunkturpaket II bei Antenne Bayern zwischen 5 Uhr und 9 Uhr viertelstündlich im Programm auf - in den Nachrichten, dazwischen aber auch in jeweils etwa einminütigen Erläuterungen und Einschätzungen. Zusammengerechnet kommt man auf eine Nettoberichterstattung in der Primetime von rund einer Viertelstunde, verteilt auf 17 Sendeplätze.
Hoerfunker.de: Also versteht sich Antenne Bayern auch als Bildungskanal?
Oberberger: Natürlich macht das aus einem unterhaltungsorientierten Formatradio noch keinen Bildungskanal. Aber es birgt Chancen. Denn die Unterhaltungssender erreichen ein sonst eher politikfernes Publikum. Viele davon lesen keine Zeitung, beziehen auch ihre politischen Informationen also ausschließlich aus elektronischen Medien. Bei Jugendlichen, die kaum noch Printpublikationen lesen und ebenfalls nur schwer für Politikthemen zu begeistern sind, wird Radio häufig als Komplementärmedium zum Internet genutzt. Die Herausforderung liegt darin, diesen Hörern Themen zu vermitteln, die sie sonst meiden. Antenne Bayern versucht das durch spezielle Info-Formate. So gibt es in den Nachrichten das sogenannte “Lexikon”. Damit werden in 30 Sekunden Begriffe erklärt wie “Überhangmandat” oder “Länderfinanzausgleich”. Im Magazin gibt es für etwas ausführlichere Erläuterungen die Rubrik “Wissen in 60 Sekunden”. Der Sender versucht darin in unterhaltsam verpackter Weise Zusammenhänge aufzuzeigen, statt nur Ereignisse darzustellen. Alternativ kann es natürlich auch ganz klassisch ein (Telefon-) Interview, ein Kollegengespräch oder - in seltenen Fällen - auch mal ein gebauter Beitrag sein.
Hoerfunker.de: Worin liegt bei Antenne Bayern die Motivation, Hörern Themen zu vermitteln, die ihnen sonst eher fremd oder lästig sind?
Oberberger: Wir wollen, dass unsere Hörer mitreden können. Viele Informationsmedien informieren an den Menschen vorbei. Außerdem profitieren auch wir von einer wohl dosierten und sprachlich verständlichen Politikberichterstattung durch ein hohes Informations-Image. So punktet Antenne Bayern laut Funkanalyse Bayern 2009 nicht nur in den meisten Unterhaltungswerten. Auch bei der Nachrichten-Frage: “Welche Sender bringen Wichtiges aus Deutschland und der Welt?” haben wir uns damit vor die öffentlich-rechtlichen Mitbewerber Bayern 1 und Bayern 3 platziert.
Hoerfunker: Und sie haben keine Bauchschmerzen dabei, als studierter Politologe harte Fakten in Infotainment-Häppchen zu verteilen?
Oberberger: Die oft kritisierte Form des Infotainment funktioniert, das hat erst kürzlich das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilian Universität München in einer Untersuchung belegt: “Unterhaltende Politikvermittlung bietet vor allem für junge Menschen neue (ergänzende) Möglichkeiten der politischen Bildungsarbeit”, stellen die Forscher fest.
Um das richtig zu fassen: In Infotainment verpackte Politikberichterstattung unterhaltungsorientierter Sender kann nicht die umfassende und nüchterne Berichterstattung anderer Medien ersetzen. Die ist für eine funktionierende Demokratie unabdingbar. Aber die Unterhaltungssender bieten für die politische Kommunikation Chancen, die gerade vor dem Hintergrund der immer weiter zunehmenden Parteien- und Politikverdrossenheit meiner Ansicht nach noch zu wenig beachtet werden.
Das Interview führte Inge Seibel-Müller.

